Grußwort zum „Cap-Arcona“-Gedenken 2020

„Wir waren besinnungslos vor Freude. Mit einer kleinen Gruppe von Häftlingen durchquerten wir die leeren Straßen der Kleinstadt und kamen zu der Straße, auf welcher die Panzer und Truppentransportwagen der Engländer in die Stadt fuhren. Unsere abgemagerten Gestalten bemerkend, fragten uns die englischen Soldaten, von wo wir kämen, verteilten Schokolade und Zigaretten, machten Aufnahmen. Wir zeigten ihnen das noch rauchende Wrack der „Cap Arcona.“

Aus dem Bericht des überlebenden polnischen KZ-Häftlings Tadeusz Kwapiński über den 3. Mai 1945.

75 Jahre nach dem Tod von über 7.000 KZ-Häftlingen in der Lübecker Bucht und 75 Jahre nach dem Mord an über 250 Häftlingen am Strand von Neustadt am 3. Mai 1945 können wir den Opfern dieses Geschehens nur in sehr reduzierter Form gedenken. Die Einschränkungen des öffentlichen Lebens, die die Corona-Pandemie mit sich bringt, verhindern jedoch nicht, dass wir diese grausamen Ereignisse vergegenwärtigen, sie uns in ihrer Bedeutung vor Augen halten und uns fragen, wo wir 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft stehen.

Der 3. Mai 1945 zählt zu den herausragenden Ereignissen in den letzten Tagen des internationalen Niederringens der NS-Diktatur. Selbst aus den damals vielerorts ein letztes Mal eskalierenden Ereignissen am Kriegsende sticht das Geschehen an diesem Tag heraus. Er gemahnt an die „Todesmärsche“ am Ende der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik, an die hohe Zahl der Toten, an die unbeabsichtigte Tötung der Häftlinge auf den Schiffen „Cap Arcona“ und „Thielbek“ durch die britische Luftwaffe und an das nur wenige Stunde zuvor verübte Massaker an den aus Stutthof deportierten Häftlingen. Aber mehr noch, der 3. Mai hat auch längst eine herausragende erinnerungskulturelle Bedeutung, wird dem Geschehen doch seit Jahrzehnten in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und von den internationalen Häftlings- und Überlebendenverbänden gedacht. Entscheidende Anstöße zu diesem Nicht-Vergessen und Nicht-Verdrängen verdanken wir den Überlebenden, die bereits am 7. Mai 1945 den Toten gedachten und dann 1948 das Ehrenmal in Neustadt-Pelzerhaken initiierten.

Drei Generationen nach dem Zusammenbruch der NS-Diktatur und der sie stützenden „Volksgemeinschaft“ scheint diese Zeit weit entfernt zu sein, im doppelten Sinne einem anderen Jahrhundert anzugehören. Neben der großen zeitlichen Entfernung droht auch ein tiefer werdender Abgrund des Verstehens. Immer weniger Menschen können aus eigener Erfahrung davon erzählen, immer seltener können wir Überlebende der Verfolgung persönlich erleben, wie sie uns von ihrem Leid berichten.

Heute stehen wir in völlig anderen gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen. Nach Jahrzehnten friedlicher, demokratischer und rechtsstaatlicher Entwicklung und dem Leben in einer der reichsten Gesellschaften der Welt fällt es zunehmend schwerer, sich die extremen Bedingungen vorzustellen, die am 3. Mai 1945 nach zwölf Jahren Hitler-Herrschaft noch einmal so schrecklich kulminierten.

Umso stärker und ausdauernder sollten wir uns bemühen, dieses Geschehen wachzuhalten, nicht nur, aber besonders auch mit Blick auf den starken Zulauf, den rechtspopulistische und -extremistische Haltungen und Gruppierungen in den letzten Jahren erfuhren. Diese besorgniserregende Entwicklung illustriert erneut, dass der Nationalsozialismus nicht nur Vergangenheit ist, sondern historische Gegenwart, die für uns im Negativen eine anhaltend zentrale Orientierung bietet – das Wissen, woher dieses Land kommt, welche Anstrengungen es gekostet hat, sich aus den Fängen dieser menschenfeindlichen Vergangenheit kollektiv zu befreien und was zu den grundlegenden Motiven unseres historisch-politischen Selbstverständnisses zählt. Diese gleichzeitig ferne und nahe Geschichte müssen wir uns immer wieder erzählen, uns darüber auseinandersetzen und insbesondere mit jungen Menschen stets den Dialog suchen. Denn die öffentliche, lebendige und generationenübergreifende Erinnerung an diese tiefste Zäsur besonders deutscher Geschichte ist ein unverzichtbarer Baustein jener Orientierung.

Die Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten unterstützt mit ihren Mitteln das kritische und gegenwartsbezogene Erinnern an die NS-Verbrechen. Seit Jahren begleiten wir auch das Gedenken der „Cap-Arcona-Katastrophe“ und das Bemühen um eine neue Form des Erinnerns in Neustadt und anderen Orten der Vergegenwärtigung dieses Geschehens. Das Gedenken der Opfer des 3. Mai 1945 verbinden wir deshalb mit der Zusicherung, das wir uns nach Kräften in den nächsten Jahren zusammen mit der Stadt Neustadt und dem Land Schleswig-Holstein für eine tragfähige und angemessene Form des Erinnerns und Lernens einsetzen werden.

Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten
Prof. Dr. Dr. h.c. Gerhard Fouquet,
Vorsitzender des Vorstands