BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Reimo Schaaf

Ortsverbandssprecher
für die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

 

Ich bin 1960 geboren. Fünfzehn Jahre nachdem Deutschland von der Herrschaft der Nazis befreit wurde.
„Die Gnade der späten Geburt“ hat das Helmut Kohl Anfang der 1980er Jahre genannt und wollte damit deutlich machen, dass die nach 1930 Geborenen keine Schuld an dem Nationalsozialismus tragen. Ich will Helmut Kohl keinesfalls unterstellen, dass er sich einer Verantwortung entziehen wollte. Jedoch drängt sich die Frage auf: geht das eigentlich? Können wir noch später Geborenen vielleicht sogar sagen, das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte geht uns nichts an, weil wir es nicht erlebt haben?
Ich bin streng pazifistisch und antifaschistisch erzogen worden. Niemand aus meiner Familie war in der NSdAP oder hat auch nur mit denen sympathisiert. Meine beiden Großväter waren „im Krieg“. Der eine, der in Frankreich war, erzählte davon lediglich, dass er froh war, niemanden getötet zu haben. Der andere, der nach Russland musste, erzählte mehr, aber nur wenn ich ihn fragte. Und was er erzählte, hat er vermutlich für meine Kinderseele gefiltert und doch war es furchtbar.
Meine Großmutter hat den Mut besessen, immer wieder Lebensmittel über den Zaun eines Gefangenenlagers zu werfen für die verhungernden Insassen. Wäre sie dabei erwischt worden, hätte man sie vermutlich hingerichtet. Sie hat mir auch immer wieder erzählt, dass alle in Deutschland von den Konzentrationslagern wussten konnten, aber viele es nicht wissen wollten. Im Februar 1945 hat sie den verheerenden Luftangriff auf Dresden sehr knapp überlebt. Mit ihrem fast neunjährigen Sohn, der später mein Vater werden sollte, an der Hand. Kindheitserinnerungen an die Zeit davor hat mein Vater nicht. Das Unfassbare, das er erleben musste, hat alles gelöscht.
Mein Großvater, in Russland verletzt und nicht mehr ”fronttauglich”, wurde zur Ausbildung des sogenannten ”letzten Aufgebotes” eingesetzt. Er musste 16-jährige in kürzester Zeit zu Soldaten ausbilden. Vermutlich hat er etlichen der Jugendlichen das Leben gerettet, weil er bewusst zu langsam ausgebildet hat. Sein ”wehrkraftzersetzendes” Tun wurde von seinem Vorgesetzten gedeckt. Diese Jugendlichen waren Jahrgang 1928. Für sie gilt die Kohlsche Definition von der Gnade der späten Geburt also nicht; und doch waren sie fast noch Kinder.
Warum erzähle ich das? Weil jeder von uns, dessen Familie länger als drei Generationen in Deutschland lebt, ein Teil dieser Geschichte ist. Manche hatten weniger Glück als ich und kommen vielleicht aus einer Familie glühender Nazis. Bei manchen wurde vielleicht nie über das Thema geredet, andere haben es vielleicht gut aufgearbeitet. Jeder geht mit so einer Last anders um. Aber deshalb geht es uns eben alle etwas an. Auch 75 Jahre nach der Befreiung. Das tragen wir alle mit. Und was in den über 12 Jahren Nationalsozialismus geschah, ist so unfassbar grausam, dass es auch nie in Vergessenheit geraten darf. Schon gar nicht angesichts der erschreckenden Tatsache, dass jetzt offen rechtsextremistische Geschichtsklitterer im Bundestag sitzen, jedes Jahr in Deutschland über 20.000 rechtsextreme Straftaten verübt werden, davon über 1.000 Gewaltdelikte,Tendenz steigend.
Und ich hatte noch einmal Glück. Ich konnte mit einem Ur-Neustädter, der leider nicht mehr lebt, viele Gespräche über die Cap-Arcona-Katastrophe führen. Er war als Kind dabei. Hat alles mit ansehen müssen, auch wie Jagd gemacht wurde auf die wenigen, die es an das vermeintlich rettende Ufer geschafft hatten. Die Bilder haben ihn nie losgelassen.
Neustadt hat fünf Tage vor dem Ende der Naziherrschaft noch eine furchtbare Katastrophe erleben müssen. Hat erleben müssen, wie englische Jagdbomber versehentlich die Arbeit der SS erledigten und hat dadurch eine traurige Berühmtheit erlangt, auf die die Stadt sicher gerne verzichtet hätte.
Dass bereits drei Jahre nach der Katastrophe der Ehrenfriedhof errichtet wurde, ist bemerkenswert und wir dürfen nicht aufhören, jedes Jahr am 3. Mai der Opfer zu gedenken, die für mich stets stellvertretend für alle Opfer des Nationalsozialismus stehen.
So etwas darf nie wieder geschehen.
Nie wieder Faschismus.